Marlene geht zu Mathilda

Marlene geht zu Mathilda

Gerade zurück aus dem sonnigen Thailand war ich voller Vorfreude, ich durfte mein erstes Enkelkind sehen. Meine Tochter wartete schon bei uns zu Hause.

Beim Anblick des kleinen Jungen musste ich an all die Sternchen denken und empfand ganz tiefe Dankbarkeit.

Alles war Nebensache, auch das Auspacken und dann kam der Alarm....
Ich war völlig hin und her gerissen und fühlte plötzlich, wie nah sich doch Tod und Leben stehen. Ich konnte den Alarm nicht ablehnen, schon gar nicht jetzt. Es wäre unfair wenn ich mich ausgerechnet jetzt verweigere, wo es mir doch so gut geht, wo ich so glücklich bin. Also nahm ich an.

Nun erst realisierte ich, um welchen Fall es sich handelte. Es war die Mama von Mathilda. Habt ihr den Bericht gelesen? Nur 9 Monate zuvor wurde Mathilda geboren, nicht lebensfähig.....
Und nun sollte das Schicksal erneut zuschlagen? Ich mochte es kaum glauben. Die Mama selbst hatte uns gerufen und sie sollte auch den Rückruf erhalten. Puhh..... da musste ich mich erst mal einige Minuten sammeln.

Am Telefon hörte ich dann eine ganz warme, liebe und gefasste Stimme. Die Geburt sei nun in der 20. SSW gerade eingeleitet worden. Das Kind ist im Mutterleib verstorben. Insa (die Mama) tat mir so unendlich leid. Wir wussten nun beide nicht, ob im Krankenhaus Kleidung vorhanden ist also versprach ich, was mitzubringen. Sie wollte mich erneut anrufen, wenn das Kind geboren ist. Woher nimmt sie nur diese Kraft überlegte ich und schlug ihr vor, dass diese Aufgabe ihr jemand abnehmen könnte, aber sie blieb dabei, mich persönlich zu informieren.

Ich versicherte ihr, dass ich jederzeit für sie da sein würde auch ganz spät oder nachts.
Nun fing das Warten an. Ich schickte zur Sicherheit noch meine Nummer per SMS, so konnte nichts verloren gehen.

Irgendwie war ich unruhig und rief gegen Abend in der Station an, um mich nach Insa zu erkundigen. Die Schwester war total lieb. Es wäre im Moment nicht abzusehen, wie lange es noch dauern würde, jedoch hätte Insa nun leichte Rückenschmerzen verspürt. Also ein erstes Zeichen. Ich hinterließ zur Sicherheit meine Nummer noch auf der Station und wartete weiter.

Meine Sachen hatte ich zwischenzeitlich gepackt, es war ja noch einiges im Urlaubskoffer gewesen.... ich ging in den Garten und pflückte noch 2 Blüten Mutterkraut und stellte sie in eine Minivase. Meistens nehme ich Blümchen mit und durch die milden Temperaturen gibt der Garten noch einige her.

Dann um 21:37 klingelte mein Handy.
Unendlich traurig teilte mir Insa mit, dass ihr kleines Baby geboren war. Es gäbe nicht so viel zu fotografieren, das Gesicht würde man nicht richtig sehen können..... ihre Stimme versagte fast und ich hätte sie so gerne einfach in den Arm genommen. Ich sagte ihr, dass ich auf jeden Fall kommen würde (und hatte dabei Detailaufnahmen im Kopf. Sie sollte auf gar keinen Fall ohne Fotos sein) .
Sie musste noch in den OP und bat mich, am nächsten Morgen zu kommen. Das tat ich dann auch.

Auch jetzt, beim 6. Einsatz überprüfte ich alles zig mal. Obwohl der Akku geladen war kam er erneut in die Ladestation, ich musste unbedingt nochmal das grüne Lämpchen sehen. Bei Einsätzen dieser Art gibt es niemals eine Routine. Kennt ihr das auch?

Im Flur wurde ich vom Personal sehr freundlich empfangen. Wir sprachen kurz über den wirklich tragischen Umstand und dann betrat ich das Zimmer.
Insa saß auf dem Bett und schaute mich mit großen traurigen Augen an. Sie hatte so einen warmen Blick. Wir begrüßten uns als würden wir uns bereits kennen und sie erzählte mir von Mathilda und dann von Marlene - so hieß die kleine Maus. Der Papa hatte den Namen ausgesucht aber es war nicht klar, ob er beim Fotografieren dabei sein konnte. Es fiel ihm sehr schwer.

Ein kurzes Klopfen, die Tür öffnete sich und Marlene wurde gebracht. Sie lag in einem Körbchen, eingewickelt in eine Einschlagdecke und liebevoll mit gelben Blümchen verziert.
Sie lag auf der Seite und tatsächlich konnte man wenig vom Gesicht erkennen. Ich schaute sie mir eine Weile an und fand sie so friedlich in ihrem Körbchen. Ich fragte die Mama, ob wir sie vielleicht auspacken sollten, um die Händchen und Füßchen zu fotografieren. Sie bejahte und so löste ich die kleine Schleife und schlug die Decke auseinander.

Ich war sehr erleichtert, denn sowohl die Füßchen als auch die Händchen waren wunderschön. So klein.....so zart.
Insa hatte keinerlei Berührungsängste. Sie legte ihren Finger unter die Hand, unter die Füße, sie streichelte die kleine Marlene und immer wieder kullerten die Tränen.

Ich legte die mitgebrachte Blüte dazu und machte auch davon einige Aufnahmen. Gepresst in einem Minirahmen sollte dann Insa die Blüte später bekommen. Ich hatte einen kleinen Teddy mitgebracht, den wir Marlene in den Arm legten. Insa entschied, dass er bei Marlene bleiben sollte.




"Marlene geht zu ihrer Schwester Mathilda" sagte sie.

Bei diesem Satz schnürte es mir fast die Kehle zu und wieder musste ich daran denken, wie hart es Insa traf. Warum nur?? Zwei mal in einem Jahr..... das ist unglaublich! Es ist nicht fair dachte ich.

"Bei Mathilda war der Bruder mit dabei, aber das ist glaube ich hier nicht gut" meinte sie. Ich wusste nicht ob es gut gewesen wäre. Hätte er ein Gesicht vermisst oder wäre er ganz gut damit umgegangen? Kann man einem Kind das erneut erklären? Ich fand keine Antwort darauf.

Ich machte noch einige Aufnahmen und packte Marlene wieder in ihre Decke ein.

Insa war so geduldig, so ruhig, so lieb. Ich hätte noch lange bleiben können, aber der Einsatz war zu Ende. So nahm ich Insa noch fest in den Arm und verabschiedete mich.

Marlene, ich wünsche dir eine gute Reise, du gehst zu Mathilda......

Insa du bist eine unglaublich liebe und starke Frau! Ich bin stolz darauf, dass ich dich kennenlernen durfte!


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