Helena

Helena

Es war der 24. Oktober, als der Alarm reinkam. Da ich die nächsten Tage gut verfügbar war, hab ich auf grün gedrückt und auch den Erstkontakt mit der Mama hergestellt. Eine ganz liebe, sanfte Stimme hat mir erklärt, dass sie in der 25. SSW ist und bereits einen Blasensprung hatte. Nun warten sie im KH ab, wann die Geburt losgehen würde. Sie wussten, dass ihre Kleine nicht überlebensfähig sein wird außerhalb des Mutterleibs. Drei Tage später bekam ich eine Nachricht von der lieben Mama, dass sie immer noch keine Wehentätigkeit hätte und nun übers Wochenende nach Hause entlassen wurde. Ich bat sie um weitere Infos, wenn sich der Zustand in irgendeiner Weise ändern sollte.

Es verging eine Woche, es verging eine zweite Woche.
Im Forum wurde schon die Frage gestellt, wie es denn nun in diesem Call weiterginge und ob man schon News hätte. Die hatte ich aber nicht. Und genau in solchen Situationen ist es besonders schwer für mich, denn man fragt ja nicht mal einfach so nach: „Hey, wie geht’s denn? Alles klar? Was läuft?“……..die Lebenssituation ist für die Eltern schon schwierig genug, also will ich da eigentlich auch nicht noch in eine Wunde reinbohren oder als lästig erscheinen. Aber andererseits ist es genau unsere Aufgabe, gut dazustehen und das geht nur, wenn wir auch mit eingebunden werden in diesen ganzen Prozess. Also habe ich die Mama angerufen und mal ganz vorsichtig gefragt (ich hab das auch genauso formuliert), ob es schon irgendeine Veränderung der Situation gibt.
Sie sagte mir, dass sich nichts tut. Gleichzeitig entschuldigte sie sich auch, weil sie es mir nicht zumuten wollte, das ganze so lange auszuhalten. „Ich würde es voll verstehen, wenn du das in diesem Fall nicht machen möchtest…..!“
Ich hab sie gleich getröstet und gemeint, dass ich selbstverständlich für sie, ihren Mann und ihr Baby da sein werde. Und ich nur die Infos brauche, damit wir unseren Alltag auch ein bisschen danach richten können, um möglichst schnell bei ihnen sein zu können.
Sie sagte mir zu, mich auf dem Laufenden zu halten.
Nach zehn Tagen kam eine Nachricht, dass sich immer noch nichts tut…..!!
Anfang Dezember (!!) kam erneut eine Nachricht, dass in 14 Tagen versucht wird, das Baby im Bauch zu drehen, da es sich in Schräglage befand. Es könnte also sein, dass es dabei zu einem Notkaiserschnitt kommt. Wenn das nicht der Fall ist, dann wird ab dem nächsten Tag mit der Einleitung begonnen.
Welche Kraft muss die Mama haben, um das alles auszuhalten, dachte ich bei mir.
Mitte Dezember war es dann soweit. Ein Wochenende, ich hatte fotografisch an diesem Tag eine große Veranstaltung begleitet, und wir gingen danach noch – wie es hier bei uns üblich ist in der Vorweihnachtszeit – auf den Christkindlmarkt. Dort wird gerne Glühwein getrunken und gemütlich der Abend gefeiert. Da ich nun schon seit ca. sieben Wochen in Bereitschaft für diese Familie stand, war es auch an diesem Abend so, dass ich mich – logischerweise – mit dem Alkohol zurückhielt. Ich hab einen Glühwein getrunken, der Rest war alkoholfrei. Anschließend habe ich noch meine Freunde zu mir nach Hause eingeladen, mit dem Hinweis, dass ich eventuell zum Einsatz muss. Alle meine Freunde wissen Bescheid, dass ich dieser ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehe und haben größtes Verständnis dafür.
Sie ziehen allesamt den Hut vor uns……
Wir sind noch bis nach 23 Uhr gemütlich beisammen gesessen bei Weihnachtskeksen und Kaffee. Müde genug vom Tag ging ich schlafen. Nach nicht einmal einer Stunde läutete das Telefon. Ich wusste: jetzt ist die Kleine auf der Welt.
Ich sah schon am Display, dass es Helena´s Mama war. Ich hob ab und begrüßte Hanna, die sogleich sagte: „Hallo…….unsere Helena ist geboren……und wir wollten dich fragen, ob du zu so später Stunde noch Zeit hättest für uns?“
Sie klang so sanft und liebevoll, dass es mir fast Tränen in die Augen trieb.
Woher nahm diese junge Frau diese Ruhe, diese Kraft? Diese Sanftheit?
„Hallo, Hanna! Ja, natürlich bin ich für euch da. Ich brauche ca 30 Minuten, ich komme sofort zu euch.
„Bitte entschuldige, jetzt haben wir dich aufgeweckt!“ sagte sie mir.
„Das macht doch nichts, ich bin für euch da. Wir sehen uns dann gleich, liebe Hanna, ich mach mich auf den Weg.“
„Danke! Bis gleich!“
Ich schlüpfte in mein Gewand, mein Hund sah mich verschlafen an und an seinem Blick konnte ich seine Gedanken lesen: „Geh du nur, ich bin zu müde zum Rausgehen!“

Eine halbe Stunde später – es war 00.30 Uhr - kam ich auf der Station an. Ich wurde von der Hebamme Theresia in Empfang genommen. Eine ganz junge, nette Frau, die mich zuerst noch bei den Eltern ankündigte. Kurz darauf kam sie zurück und meinte, die Eltern bräuchten noch ein paar Minuten, ich kann inzwischen ins Schwesternzimmer kommen, ob ich einen Kaffee trinken möchte? Ja gern! Zu dieser Zeit tut was Warmes doch gut. Sie legte mir sogar eine Schokopraline neben meinen Kaffeebecher. So eine liebe Geste.

Sie erzählte mir von Helena, dass sie schwere Fehlbildungen im Kopf hatte, aber äußerlich nichts davon erkennbar war. Und dass die Eltern keine weiteren Maßnahmen wollten, um Helena´s Leiden zu verlängern. Helena kam normal auf die Welt (mittlerweile SSW 32+2), und blieb eine halbe Stunde, bevor sie zu den Sternen flog. Sie schlief in Mama´s Armen ein….

Ein paar Minuten später waren die Eltern soweit. Ich machte mich auf den Weg ins Kreißzimmer. Die Begrüßung von Mama und Papa war besonders herzlich, irgendwie hatte ich das Gefühl, Hanna schon ewig zu kennen…..naja, wir hatten immerhin fast zwei Monate lang Kontakt, wenn auch keinen persönlichen. Aber doch entsteht somit schon eine Beziehung zueinander, obwohl man sich noch nie gesehen hat.

Helena war ein ganz bezauberndes Mädchen. So perfekt, so zart und friedlich.

Bei meinen Einsätzen habe ich immer Kleidung, Einschlagdecken, Blümchen, Engel, etc. mit. Mit der Erfahrung der vielen Einsätze habe ich schon ein Gespür dafür bekommen, ob Eltern die Entscheidung treffen können oder nicht, etwas auszusuchen.

In diesem Fall waren Helena´s Eltern ganz begeistert von den Dingen, und sie entschieden sich, dass wir Helena in ein weißes Hemdchen und ein crem-braunes Schlafsäckchen einkleiden würden. Zuerst meinte Hanna, ich solle das machen, weil ich am besten wüsste, wie es auf den Fotos am besten zur Geltung kommen würde. Aber ich habe gleich beide Elternteile mit eingebunden.

„Das machen wir gemeinsam, was haltet ihr davon?“ so hole ich die Eltern ins Boot, wenn sie in diesem Moment vielleicht etwas zurückweichen. Ich finde es ungemein wichtig, dass sie ihr Baby selber anziehen. Helena war bis jetzt in eine Stoffwindel und ein rotes Badetuch gewickelt. Hanna war ganz begeistert, weil Helena mit der Kleidung so hübsch aussah. (Stellt euch mal vor, sie hätten diesen Moment nicht erlebt! Es wäre so schade!)

Wir ließen uns Zeit, haben Helena immer wieder gestreichelt zwischendurch, und auch ich hab immer wieder gesprochen mit ihr. Hanna und Andreas haben dann auch noch gemeinsam braune Herzchen aus Holz ausgesucht, und ein rotes Sternenkissen. Ich hatte das Gefühl, dass wir zu einem richtigen Team zusammenwuchsen, und die Eltern froh waren, dass wir das alles „gemeinsam“ machten.

Es waren viele facettenreiche Momente dabei……wo viele Tränen geflossen sind, und ich einfach nur tröstend an ihrer Seite war………oder auch Momente, in denen Mama und Papa sogar lachen konnten……das war besonders berührend……

Dies war wieder ein Einsatz, der mich lange beschäftigen wird, an den ich sicher noch öfter denken werde. Nicht im negativen Sinn, sondern im Positiven. Ich habe wieder wunderbare Menschen kennengelernt, es war so eine vertraute Atmosphäre, solche Einsätze – und das sind bisher die meisten bei mir – benenne ich immer als „schön“.
Nach ungefähr zwei Stunden war es an der Zeit, mich wieder zu verabschieden.
Um halb drei Uhr früh war ich wieder daheim, ging noch eine kurze Runde mit dem Hund (das ist ein Teil meines Rituals nach jedem meiner Einsätze), noch kurz unter die Dusche, Einsatz online beenden, und noch kurz was trinken. Gegen fünf Uhr war ich dann endgültig im Bett. Es war ohnehin Sonntag und ich konnte länger liegen bleiben. Für mich drehte sich die Welt wie immer weiter, für die Sternenkindeltern nicht.


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